Fälle und Belege
Das Interview stützt sich auf Patientengeschichten und eine wissenschaftliche Linie - und räumt zugleich offen ein, dass dies in der Onkologie eine Minderheitenposition bleibt.
Geschilderte Patientenfälle
Pablo Kelly
Devon, EnglandDiagnose: ein inoperables Glioblastom. Er lehnte Bestrahlung und Chemotherapie ab und entschied sich für die Stoffwechseltherapie. Er lebte rund 10 Jahre; der Tumor wurde operabel und wurde viermal chirurgisch verkleinert. Er starb bei einer späteren Operation an einer Hirnblutung - nicht am Tumor selbst.
Trudy Dupont
Vereinigte StaatenEine amerikanische Anwältin mit einem Hirnstammtumor, deren Fall Seyfried zum Glukose-Keton-Index führte. Sie wandte die Stoffwechseltherapie an und überlebte mehr als 10 Jahre. Ihre stark schwankenden Blutzuckerwerte brachten ihn auf das Verhältnis von Glukose zu Ketonen.
Andrew Scarborough
EnglandHirntumorpatient im Stadium 3, inzwischen etwa 15 Jahre nach der Diagnose, der die Stoffwechseltherapie so lange praktiziert, dass er heute an seinem Befinden erkennt, in welcher Stoffwechselzone er sich befindet.
Griechische Glioblastom-Gruppe
GriechenlandBerichtete über gute Ergebnisse dabei, Glioblastom-Patienten mit einer kalorienreduzierten Mittelmeerkost (Lachs, Sardinen, Olivenöl, Avocado) und Bewegung am Leben zu halten - ein Hinweis darauf, dass der Ansatz nicht auf strenge Carnivore- oder Keto-Diäten beschränkt ist.
Das sind einzelne im Interview erzählte Fälle, keine kontrollierten Studien. Sie werden so wiedergegeben, wie der Interviewgast sie beschrieben hat.
Die wissenschaftliche Linie
- Otto Warburg (1920er- bis 1940er-Jahre) - Nobelpreisträger, der als Erster zeigte, dass Krebszellen selbst bei Sauerstoff vergären, und eine geschädigte Atmung als Ursache annahm.
- Albert Szent-Györgyi - formulierte das "onkogene Paradox": viele Ursachen, ein unbekannter Mechanismus.
- Seyfrieds Arbeitsgruppe am Boston College - griff Warburgs Arbeit mit moderner Elektronenmikroskopie und den Kerntransfer-Befunden wieder auf.
- Christos Chinopoulos (Semmelweis-Universität) - Arbeiten zur mitochondrialen Vergärung von Glutamin.
- Mitarbeitende - Dominic D’Agostino (hyperbarer Sauerstoff), Joe Maroon (Press-Pulse) sowie die Studierenden Derek Lee, Josh Fidenbower und andere.
Die Kritik an der etablierten Onkologie
Seyfrieds zentrale Kritik ist institutionell, nicht persönlich - die meisten Onkologinnen und Onkologen nennt er "gute Leute", gefangen in einem System, das ihnen die Biochemie der Erkrankung nie beigebracht hat:
- Die Regelversorgung stützt sich auf die Theorie der somatischen Mutation - Krebs als genetische Erkrankung -, die seiner Ansicht nach Mutationen als Wirkung erklärt und nicht als Ursache.
- Moderne Sequenzierung findet Treibermutationen in normalem, gesundem Gewebe - und "Wildtyp"-Krebsarten ganz ohne solche Mutationen.
- Das System verlangt große doppelblinde Phase-3-Studien, bevor ein Protokoll übernommen wird, und Ernährungsinterventionen finden dafür selten Geldgeber - deshalb fehle Behandelnden "das institutionelle grüne Licht".
- Scharf kritisiert er den Ernährungsrat in Kliniken, man solle "essen, was man kann" - oft zuckerhaltige Trinknahrung, die aus seiner Sicht den Tumor füttert.
- Die Kachexie (Auszehrung) deutet er um als Tumor, der Muskeln auflöst, um an Glutamin zu kommen - und argumentiert, therapeutische Ketose bewirke einen therapeutischen Gewichtsverlust, der sich von krankhafter Auszehrung unterscheidet.
„In diesem Land sterben täglich 1.700 Menschen an Krebs - 70 pro Stunde - und es wird jedes Jahr schlimmer. Wann wachen die Leute endlich auf?“
Die kopernikanische Analogie
Seyfried vergleicht die fest verankerte genetische Theorie mit dem geozentrischen Weltbild - 1.800 Jahre lang verteidigt, bis Kopernikus, Kepler und Galilei kamen, und um den Preis von Märtyrern wie Giordano Bruno. Seine These: Eine etablierte Machtstruktur herauszufordern, ob Kirche oder Industrie, ist gefährlich - doch am Ende werden die Daten den Umschwung erzwingen.
Die angekündigte Veröffentlichung
Der "vertrauliche Umschlag" zu Beginn des Interviews ist eine noch gesperrte Arbeit, die laut Seyfried als Leitartikel in Frontiers in Science erscheinen soll - mit der bioenergetischen GKI-Skala und der Strategie, begleitet von einer Fassung für "junge Köpfe" (etwa 8 bis 14 Jahre). Er erwähnt außerdem die Gründung einer Gesellschaft namens MORE (Metabolic Oncology Research and Education) und weist darauf hin, dass die Forschung seiner Gruppe von privaten Stiftungen und Mäzenen finanziert wird, etwa von der Stiftung von Travis Christofferson.
Quellen
- Warburg O (1956). On the origin of cancer cells. Science. doi:10.1126/science.123.3191.309
- Elsakka AMA, Bary MA, Abdelzaher E, et al. (2018). Management of Glioblastoma Multiforme in a Patient Treated With Ketogenic Metabolic Therapy and Modified Standard of Care: A 24-Month Follow-Up. Frontiers in Nutrition. doi:10.3389/fnut.2018.00020
- Martincorena I, Roshan A, Gerstung M, et al. (2015). High burden and pervasive positive selection of somatic mutations in normal human skin. Science. doi:10.1126/science.aaa6806
- Chinopoulos C, Seyfried TN (2018). Mitochondrial Substrate-Level Phosphorylation as Energy Source for Glioblastoma: Review and Hypothesis. ASN Neuro. doi:10.1177/1759091418818261